Gefühlswelten von Kindern mit Autismus

Teil 1: Der Mythos

Was wäre, wenn „gefühlskalte“ Kinder einfach zu viel fühlen?

Eine andere Perspektive.

Du kennst die Situation vielleicht. Dein Kind kommt aus der Kita, du fragst, wie der Tag war, und es zuckt mit den Schultern. Die Oma weint beim Abschied und dein Kind schaut währenddessen aus dem Fenster. Und irgendwann sagt jemand diesen Satz:

„Der zeigt ja gar keine Gefühle."

Dieser Satz sitzt. Gerade bei Kindern mit Autismus oder anderen Neurodivergenzen hört man ihn oft, und er hält sich hartnäckig wie Unkraut im Pflaster. Nur stimmt er in vielen Fällen nicht. Wenn ein Kind nach außen ruhig wirkt, heißt das noch lange nicht, dass innen Windstille herrscht. Manchmal ist es eher ein Sturm, so groß, dass das Kind gar nicht weiß, wohin damit.

In diesem Artikel schauen wir uns an, warum der Mythos entstanden ist und was bei diesen Kindern stattdessen passieren kann.

Was niemand sieht

Dein Kind zeigt sehr wohl Gefühle, nur nicht dann, wenn andere hinschauen. Beim Abschied kommen keine Tränen, dafür abends. Wenn es sich sicher fühlt und sich nicht mehr halten kann.

Dann sitzt du um 21 Uhr da, mit einem tobenden Kind, das sich gar nicht beruhigen lassen will. Und denkst:

„Ja klar, gefühlskalt sieht für mich anders aus."

Warum gibt es diesen Mythos überhaupt

Über kaum eine andere Neurominderheit wurden so viele Bücher geschrieben und Filme gedreht wie über Autismus. Leider hat das nicht zu einem guten Allgemeinwissen geführt, sondern zu hartnäckigen Vorurteilen und einem sehr stereotypen Bild in unserer Gesellschaft.

Viele Eltern, die sich einlesen, fragen sich deshalb: „War die Diagnose falsch? Mein Kind ist doch gar nicht so." Dabei ist meist nicht die Diagnose falsch, sondern das Bild, das uns Bücher und Filme vermittelt haben, zu eng.

Wenn dein Kind im Autismus-Spektrum liegt, bedeutet das erst einmal nur: Es funktioniert anders. Wie stark sich das zeigt, ist sehr unterschiedlich. Das Problem entsteht vor allem dadurch, dass unsere Welt auf neurotypische Gehirne ausgerichtet ist und Andersartigkeit eher abwertet, statt sie anzunehmen.

Das sieht man schon am Namen der Diagnose: Autismus-Spektrum-Störung. Der Autismusforscher und Aktivist Linus Müller sagt: „Störung sagt nur, dass nicht-autistische Menschen uns störend finden." Das ist ein Werturteil, keine wissenschaftliche Tatsache.

Immerhin hat sich das Bild durch Aktivistinnen und Betroffene gewandelt. Autismus wird nicht mehr nur auf einer Linie von „kaum autistisch" bis „sehr autistisch" eingeordnet. Heute gibt es das Tortendiagramm des Autismus-Spektrums, das viele Bereiche zeigt, die bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt sind.

Dieses Tortendiagramm schauen wir uns im zweiten Teil gemeinsam mit Human Design noch einmal an.

Das Klischee und was dahinter steckt

Wenn wir an das gesellschaftliche Bild denken, sehen wir meist einen Menschen, der kaum Gefühlsregungen zeigt, dafür aber alle Lokomotivtypen von der Coalbrookdale-Lokomotive (1802) bis zur neuesten Siemens Vectron X (Von Siemens Mobility am 10. Juni 2026 vorgestellt) aufzählen kann.

Das sind die sogenannten Spezialinteressen, und sie können sich auf jedes Themengebiet beziehen. Menschen mit Autismus können dadurch zu echten Spezialistinnen und Spezialisten werden und unsere Gesellschaft voranbringen. Sie brauchen nur Unterstützung dort, wo sie in einer neurotypischen Welt an ihre Grenzen stoßen.

Und diese Grenzen spüren in erster Linie die Eltern.

Anders gedacht

Neurotypische Menschen nehmen ihre Umwelt häufig zuerst im Gesamtbild wahr und schauen dann ins Detail. Das nennt man top-down. Viele autistische Menschen nehmen die Welt eher bottom-up wahr: Sie sehen zuerst die Details und setzen daraus das Ganze zusammen.

Das hat einen großen Vorteil. Sie bemerken die gesellschaftliche Box, wie etwas zu sein hat, oft gar nicht. Deshalb fällt es ihnen leicht, über den Tellerrand zu blicken: Sie nehmen den Tellerrand gar nicht erst wahr.

Zurück zur Szene vom Anfang. Die Oma verabschiedet sich unter Tränen. Sie weiß, dass sie ihr Enkelkind eine Weile nicht sieht, hat den Fahrplan im Kopf, weiß, was in ihrer Tasche ist, und kennt die nächsten Schritte.

Das Kind spürt die ganze Situation und versucht ununterbrochen, die einzelnen Details in ein Muster einzuordnen und die dazukommenden Gedanken zu verarbeiten. In ihm tobt es, es ist wahnsinnig anstrengend, alles zu sortieren. Von außen bleibt es ruhig. Vielleicht, weil es so viel Kraft kostet, alles zusammenzuhalten, dass es einfacher ist, eine Mauer zu bauen und sie aufrechtzuhalten, um nicht noch mehr verarbeiten zu müssen.

Dazu kommt: Ungenaue Aussagen sind für viele autistische Kinder schwer zu verstehen. Wenn Oma sagt: „Tschüss mein Schatz, ich fahre jetzt los", kann das eine Flut an Fragen auslösen:

Wohin fährt sie? Womit? Ist es ein Zug? Welches Modell? Wie oft hält er an? Merkt sich Oma, in welchem Abteil sie sitzt? Muss ich jetzt etwas tun?

Masking: Die Sprache der anderen lernen

Je älter Kinder mit Autismus werden, desto mehr „lernen sie die Sprache der neurotypischen Menschen". Sie lernen, wann sie lächeln sollen, wann welche Floskel passt und wie man in bestimmten Situationen reagiert. Das nennt man Masking: die Strategie, in einer neurotypischen Welt nicht aufzufallen.

Aber das alles müssen sie sich mühsam aneignen. Sie verstehen nicht, warum jemand sagt, es gehe ihm gut, und im nächsten Moment erzählt, wie schwer es zu Hause gerade ist. Übrigens ist das nicht nur für Autistinnen und Autisten schwer, aber neurotypische Menschen gehen intuitiver damit um.

Wichtig noch: Manche autistische Menschen haben auch Schwierigkeiten, ihre eigenen Gefühle zu benennen (das nennt man Alexithymie). Auch das heißt nicht, dass sie nichts fühlen. Nur dass die Worte dafür fehlen.

Was bleibt

Wenn dein Kind beim Abschied aus dem Fenster schaut, heißt das nicht, dass es nichts fühlt. Es heißt oft: Es fühlt so viel, dass es erst einmal alles zusammenhalten muss. Die Mauer ist kein Zeichen von Kälte. Sie ist ein Schutz.

Und wenn um 21 Uhr alles aus ihm herausbricht, ist das kein Rückschritt und keine Bockigkeit. Es ist der Moment, in dem es sich sicher genug fühlt, die Mauer fallen zu lassen. Bei dir.

Dein Kind ist nicht gefühlskalt. Es fühlt auf seine eigene Art, vielleicht gerade zu viel, und folgt dabei anderen Regeln als die neurotypische Gesellschaft.

Aber warum nehmen manche Kinder so viel auf? Warum sind sie von Stimmungen im Raum so schnell überflutet? Im Human Design gibt es dafür eine Perspektive, die vielen Mamas hilft, ihr Kind mit anderen Augen zu sehen: das undefinierte Emotionszentrum. Genau darum geht es im zweiten Teil dieser Reihe.

Bis dahin: Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkannt hast, schreib mir gern, wie es bei dir und deinem Kind aussieht. Du bist mit diesem Sturm nicht allein

Deine Wega

Zurück zu dir. Hin zu euch.

Quellen

Linus Müller, Autismusforscher und -Aktivist, aut.autica.org/linus-mueller/

Kathrin Köller, Irmela Schautz: Richtig anders Anders richtig. Selbstbewusst neurodivergent. München, 2025.

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Hochsensibilität und Human Design