Unsere wilden Jungs in einer engen Welt (1. Teil)

Sensible Mütter zwischen Lautstärke, Überforderung & Haltung

Du darfst müde sein.

Daran ist nichts falsch und es macht dich auch nicht zu einer schlechten Mutter.

Das tägliche Scheitern

Als Mama von drei Jungs sieht mein Alltag häufig wild, laut und chaotisch aus.

Sie wollen sich bewegen, sie wollen rangeln, sie wollen ihre Grenzen austesten. Nicht vorsichtig und heimlich, sondern lautstark einfordernd und mit einem Hammer drauf einschlagend.

Grenzen sind für meine Jungs vor allem dazu da, darauf zu balancieren und immer mal wieder einen Schritt über die Schwelle zu setzen.

Und da sind so viele Gefühle, die ich begleiten muss. Gefühle, die ich nicht durch kuscheln begleiten kann, sondern durch Raum geben und Raum halten.

Ich als Mama war häufig an der Belastungsgrenze. Ich liebe sie so sehr und trotzdem geraten wir immer wieder aneinander.

Entweder, weil sie sich in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen, oder weil sie meine Grenzen austesten und sich kuscheln häufig eher nach dem Würgegriff einer Boa-Constrictor anfühlt.

Und dann sind da die Erziehungsratgeber, die nie zu unserer Situation passten und mich mit dem Gefühl zurücklassen haben, dass ich unzulänglich sei, weil ich meine Kinder nicht richtig verstehen würde und ihr Verhalten im direkten Zusammenhang mit meinem Versagen als Mutter stünde.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl?

Aber es ist nicht immer laut, es ist nicht immer wild. Es gibt diese Tage, an denen sie stundenlang Lego bauen, an denen wir im Wald sind und ich diese Freiheit spüre, ein Ort, an dem nichts kaputt gehen kann.

Und jetzt frage ich dich, sind es dann unsere Jungs, die zu wild sind oder ist unsere Welt zu eng für sie geworden?

“Boys will be Boys” und andere widersprüchliche Botschaften an Jungs

Unsere Gesellschaft versteht die Sorgen von Jungs-Mamas häufig nicht.

Wenn ich mich an mein Umfeld gewendet habe, oder anderweitig recherchiert habe, hieß es häufig:

„Es sind halt Jungs, die müssen so sein.“, wenn sie aber so sind wie sie sind, dann sind sie häufig zu doll.
Dann fallen Worte wie:
„fehlende Impulskontrolle“
„kannst du nicht aufpassen?“
„du bist aber empfindlich.“

Und genau das ist es, auch Jungs sollen weinen dürfen, aber bitte nur, wenn Erwachsene es auch angebracht finden. Jungs müssen in unserer Gesellschaft immer noch mehr aushalten können, als Mädchen.

„Kick it Like Beckham“ hat mich als Kind genauso berührt, wie „Billie Elliot“, und das war vor über 20 Jahren. Mädchen haben mittlerweile immerhin Fußball-Mannschaften (auch wenn wir noch weit entfernt von Gleichberechtigung sind), aber wenn ein Junge tanzen will, oder gar zum Ballett möchte, betreten wir einen genderfeindlichen Raum.

Der Satz, dass Jungs alle Tore offen stehen, stimmt nur in der Theorie. Denn in der Praxis gibt es nur wenige gesellschaftlich akzeptierte Formen der Männlichkeit.

Ich bin Feministin, ich will, dass allen Kindern die gleichen Tore offen stehen. Das bedeutet,
dass es keine Label gibt,
dass wir anfangen unsere Kinder individuell zu betrachten,
dass wir Räume schaffen, in denen sich Kinder frei entfalten können, ohne Wertung.

Die Perspektive einer Mutter mit sensiblen Nerven

Ich brauchte schon immer viel Ruhe und viel Rückzug. Die anhaltende Lautstärke bei mir zuhause und mein Umgang damit ist kein Erziehungsfehler, sondern ein Thema meines Nervensystems.

Für andere ist diese Lautstärke viel besser zu ertragen, als für mich.

Ich habe das lange Zeit als Schwäche gesehen, wollte nicht sehen, dass Sensibilität nichts mit Schwäche zu tun hat.

Dafür nehme ich vieles wahr, kleine Nuancen, Gefühle die unterschwellig brodeln und ich sehe Kinder, merke sofort, wenn etwas nicht stimmt.

Diese Sensibilität ist Fluch und Sehen zugleich. Denn meine Sensibilität ist wahrnehmend und aufnehmend.
Dadurch gerät mein Nervensystem in Dauerstress: Reizüberflutung, soziale Bewertung und meine eigenen Ideale füttern den inneren Konflikt.

Vielleicht kennst du diese inneren Konflikte, diese Zerrissenheit aus:

„Ich will meine Kinder frei erziehen“ und „Ich halte das nicht aus.“

Vielleicht bringen deine Jungs auch dein feministisches Wertesystem ins Schwanken, denn sie sind nicht das Patriarchat, sie sind deine Babys, deine Kinder und auch in diese enge Welt hineingeboren, auf der Suche nach einem Platz.

Systemfehler: Patriarchat

Das Patriarchat, das System in dem wir leben, unterdrückt nicht nur Frauen und Mädchen, sondern auch
Jungs die in der Schule nicht still sitzen,
Jungs die sich nicht anpassen und
Jungs die ihre Gefühle nicht nur beim Fussball zeigen.

Das System bewertet und kontrolliert unsere Kinder nicht offensichtlich, sondern subtil, indem wir unsere Schulen, Kitas und letztlich unsere Jobs auf einen bestimmten Typ Mensch zuschneiden. Und sobald dein Kind nicht diesem einheitlichen Typ entspricht, wird es zum „Problemfall“. Wenn dann noch Neurodivergenzen wie ADHS, Autismus oder Hochsensibilität dazu kommen, bekommt dein Kind auch noch einen Stempel, weil seine Einzigartigkeit nicht gefördert, sondern problematisiert wird.

Das Problem ist aber nicht dein Sohn, auch nicht du als Mutter, sondern ein System, das nur einen bestimmten Menschen-Typ gut aushält.

Wenn ich all das zusammennehme, wir eines deutlich:

Weder mein Sohn ist zu viel.
Noch bin ich als Mutter zu empfindlich.

Wir bewegen uns in einem System, das wenig Platz lässt für Lautstärke, für Kinder, für Gefühle und für Abweichungen. Ein System, das unsere Kinder misst, bewertet und formt.

Und genau hier entsteht eine Frage, die sich nicht mehr wegschieben lässt:

Wenn nicht unsere Jungs das Problem sind und auch nicht wir als Eltern, wie begleiten wir sie dann durch diese enge Welt?

Nicht mit noch mehr Druck oder weiterer Anpassung, sondern mit Haltung, Orientierung und echter Beziehung

Darum geht es im 2. Teil.

Deine Wega

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