Litha
Dein Licht bleibt, auch wenn es regnet
Ich liebe den Regen.
Denn wenn ich es nicht tue, regnet es trotzdem.
Dieses Jahr möchte sich dieses Sommergefühl in Hamburg so gar nicht richtig einstellen. Am Sonntag ist Sommersonnenwende, der längste und hellste Tag des Jahres, und der Wetterbericht für Hamburg sagt, du hast es wahrscheinlich schon geahnt: Regen und Sonne im Wechsel…
Aber bevor du jetzt innerlich abhakst, dass das mit Litha dieses Jahr wohl nichts wird, lass mich kurz etwas sagen.
Es muss kein Fest mit Programm sein. Kein Bastelnachmittag. Keine perfekt inszenierte Feuerschale im Garten. Es darf auch einfach dein Moment sein. Ganz für dich allein. Ohne dass irgendwer etwas davon mitbekommen muss.
Fünf Minuten für dich mit einer Kerze und einem Wohlfühlgetränk.
Und die leise Frage, was in dir gerade Licht sein möchte, auch wenn es draußen grau bleiben sollte.
Was Litha bedeutet
Bei Litha geht es um Bewusstsein. Es ist der Tag, an dem wir feiern, dass die Sonne ihren Höchststand erreicht hat und uns gleichzeitig bewusst wird, dass ihre Kraft von nun an langsam wieder abnimmt. Das Wort Litha stammt aus dem Altenglischen und bedeutet so viel wie „Licht“. Genau dieses Licht wird zur Sommersonnenwende gefeiert.
Doch Litha erinnert uns nicht nur an die Sonne über unseren Köpfen. Es erinnert uns auch an das Licht in uns selbst. Daran das wir lebendig sind, daran wie gut es uns geht und dass wir mit Freude kraftvoll durchs Leben gehen.
Litha erinnert uns an all das, was in den vergangenen Monaten gewachsen ist.
Während die Natur in voller Blüte steht, dürfen auch wir einen Moment innehalten und wahrnehmen, was bereits da ist.
Deine Fülle
Litha ist das Fest der Fülle.
Die Erde trägt ihre Früchte. Die Wiesen stehen in voller Blüte. Alles scheint für einen kurzen Moment auf seinem Höhepunkt zu sein, bevor langsam die Zeit der Ernte beginnt.
Aber ganz ehrlich: Bei all dem Grau und Regen der letzen Wochen bekomme ich ein bisschen Schnappatmung, wenn ich daran denke, dass die hellste Zeit des Jahres schon erreicht sein soll.
Und ich kann mir vorstellen, dass es dir ähnlich geht.
Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu. Die Luft ist irgendwie raus. Die langen Sommerferien stehen den meisten Eltern ein bisschen „bevor“. Nicht mehr ganz Alltag, aber auch noch nicht richtig Urlaub. Hier noch ein Geschenk für den Kindergarten basteln, da wird noch ein Sommerfest gefeiert (natürlich müssen dafür auch noch Muffins gebacken werden) und der Urlaub plant sich auch nicht von allein.
Als hochsensible Frauen warten wir oft darauf, dass sich etwas im Außen verändert, damit wir uns innerlich besser fühlen.
Wir machen unsere Stimmung davon abhängig, dass endlich die Sonne scheint, dass die Kinder entspannter werden, oder dass mehr Ruhe einkehrt. Wir wollen bei uns ankommen, aber vielleicht erinnert uns Litha genau daran:
Du darfst aufhören zu warten.
Das Licht, nach dem du suchst, war nie nur draußen zu finden.
Vielleicht dürfen wir uns diesen Sommer bewusst machen, dass unser Wohlbefinden nicht ausschließlich an das Außen geknüpft sein muss. Dass wir auch an grauen Tagen auf unser inneres Leuchten zurückgreifen können. Und dann vielleicht trotzdem noch ein paar Vitamin-D-Tropfen nehmen.
Vielleicht dürfen wir lernen, die kurzen Sonnenmomente bewusster wahrzunehmen. Uns Zeit zu nehmen, um wirklich aufzutanken. Nicht erst irgendwann, wenn alles erledigt ist.
Dein Naturmoment
Kräuterbündel
Eine weit verbreitete Tradition zur Sommersonnenwende ist es, sieben, neun oder vierzehn Kräuter zu sammeln, die rund um das Haus, im Garten oder auf Spaziergängen zu finden sind. Diese werden zu einem kleinen Kräutersträußchen gebunden.
Mögliche Kräuter sind:
Johanniskraut
Mädesüß
Kamille
Thymian
Rosmarin
Frauenmantel
Salbei
Beifuß
Schafgarbe
Rotklee
Baldrian
Engelwurz
Rose
Ringelblume
Diese Sträußchen galten traditionell als Schutz für Haus und Familie. Sie können in der Wohnung aufgehängt, verschenkt oder einfach als Erinnerung an diesen Moment aufbewahrt werden.
Im nächsten Jahr, zur nächsten Sommersonnenwende, wird der Strauß dann dem Feuer übergeben. Nicht als Ende, sondern als Dankeschön für alles, was das vergangene Jahr getragen hat.
Manche Frauen binden auch jetzt ihre Räucherbündel für die Rauhnächte, sodass sich an Litha ein Kreis schließt.
Holunderblütenlimonade
Auch wenn du nicht gerne in der Küche stehst, kannst du dir ganz einfach einen kleinen Sommermoment zaubern.
Du brauchst:
0,5 Liter Apfelsaft
1 Liter Wasser
2 bis 3 Dolden Holunderblüten
2 Scheiben Bio-Zitrone
Optional etwas Melisse oder Rosenblüten
Eiswürfel nach Belieben
Gib alle Zutaten in ein großes Gefäß und lasse sie etwa zwei Stunden ziehen. Anschließend kannst du die Kräuter entfernen. Mit Eiswürfeln serviert entsteht daraus ein kleiner Schluck Sommer. Ganz unabhängig davon, was der Himmel gerade macht.
Das Feuer
Sonnenwendfeuer stehen seit jeher für Lebenskraft, Dankbarkeit und Neubeginn.
Traditionell wurden Sorgen, Ängste oder Belastungen symbolisch dem Feuer übergeben, um sie loszulassen und Raum für Neues zu schaffen. Dieses Feuer muss übrigens kein großes Sonnenwendfeuer sein, du kannst auch symbolisch eine Kerze auf dem Küchentisch anzünden, wenn das Wetter sich halten sollte, dann vielleicht eine Feuerschale im Garten. Oder ganz puristisch ein Teelicht zwischen Wäschebergen und Brotdosen.
Und vielleicht sitzt du alleine davor oder deine Kinder kommen neugierig dazu.
Beides darf richtig sein.
Du kannst dein Kind fragen, ob es etwas loslassen möchte: Einen Streit. Eine Sorge. Einen Gedanken, der schon lange mitgetragen wird.
Du kannst aber auch einfach nur gemeinsam in die Flamme schauen, ohne irgendwelche perfekten Rituale nachstellen zu müssen, ohne eine Aufgabe oder ein Ziel.
Nur als Erinnerung daran, dass Licht geteilt werden darf.
Vielleicht erinnerst du dich dabei auch an dein Kräutersträußchen vom letzten Jahr. In vielen Traditionen wurden diese bis zur nächsten Sommersonnenwende aufbewahrt und dann dem Feuer übergeben.
So kann sich ein kleiner Kreis schließen und ein Neuer beginnen.
„Wozu brauche ich Füße, wenn ich Flügel habe.“ - Frida Kahlo
Vielleicht wird es am Sonntag tatsächlich regnen, vielleicht haben wir auch einen heißen, sonnigen Tag, an dem uns die Sonne noch einmal präsentiert, was sie zu bieten hat.
Vielleicht sieht die Sommersonnenwende dieses Jahr jedoch nicht nach Blumenkranz, Sonnenhut und goldenem Abendlicht aus.
Aber Litha erinnert uns daran, dass Licht nicht nur am Himmel existiert.
Es lebt auch in uns.
In den Momenten, in denen wir kurz durchatmen.
In einer warmen Tasse Tee.
Im Lachen unserer Kinder.
In einer Hand auf dem Herzen.
In einem Gedanken, der plötzlich Hoffnung macht.
Du musst nichts Großes feiern, bei dem du noch mehr planen und noch mehr vorbereiten musst. Du musst nichtmal das Haus verlassen, um die fünf Minuten Zeit für dich zu nehmen. Dir eine Kerze anzuzünden, dir ein Glas Limonade zu nehmen und dich zu fragen:
Was möchte in mir gerade wachsen?
Was möchte gesehen werden?
Wo darf mein eigenes Licht wieder ein Stück heller werden?
Denn Fülle, Hoffnung und Verbundenheit hängen nicht vom Wetterbericht ab.
Und manchmal beginnt die stärkste Sommersonnenwende genau dort, wo niemand sie sieht.